Cristalp 2007: Von der Löwenburg zum Pas de Lona

Meine Leidenschaft fürs Mountainbiken begann nachdem ich das Rugby verletzungsbedingt nach ca. 15 Jahren aufgeben musste.

So kaufte ich mir im März 2005 mein erstes Bike. Die erste Runde: ca. 40 km und 800 Höhenmeter (Hm) durch das Siebengebirge. Am Ende der Tour wagte ich mich auf den letzten Anstieg bzw. die letzten 100 Hm hoch zur Löwenburg. Nach nicht mal 20 m war ich am Ende und stieg vom Rad ab. Vor der Rückkehr warf ich schnell ein Blick nach oben und schwor „ich werde zurückkommen“.

Es folgten die nächsten Etappen:

August 2005: erste große Tour auf Korsika: Porto-Vecchio – L’Ospedale – Zonsa – Bocca di Bavella – Solenzara – Pinarello – Porto-Vecchio, 120 km und ca. 2.200 Hm auf der Straße. Es folgte im September mein erster Mountainbike-Halbmarathon: eine der 3 Etappen des Vulkanbike Festivals in der Eifel… „nächstes Jahr komme ich wieder“.

September 2006: Drei Tage Vulkanbike. Insgesamt 225 km und 5.075 Hm in 13h51.

Warum nicht nächstes Jahr an einem Langstreckenmarathon über 100 km und 3.000 Hm teilnehmen? Meine bisher größte Tour: Rheinhöhenweg Bingen-Koblenz, 100  km und 2.492 Hm.
15. Januar 2007: Wenn schon, denn schon! Ich melde mich an dem Grand Raid Cristalp (121km, 4860Hm) am 18. August 2007 an. Während der folgenden sieben Monate habe ich jeden Tag daran gezweifelt, es zu schaffen. Ich habe jedoch niemals aufgeben.

Das Training in diesem Jahr

Auf einen strikten Trainingsplan mit vor allem im Winter vielen langen Grundausdauereinheiten im niedrigen Pulsbereich möchte ich mich nicht einlassen - keine Lust - ich mag es Berge hoch zu fahren, so werde ich mich vorbereiten. Ich hänge einen Wandkalender auf und plane,  für jeden Monat die folgenden Ziele zu erreichen: Januar 2.000, Februar 2.500, März 3.000, April 3.000, Mai 3.500, Juni 3.500, Juli 4.000. Mein Vorhaben: mindestens einmal am Wochenende eine Tour mit dieser jeweiligen Höhenmeterzahl zu fahren. Egal bei welchem Wetter oder wie verlockend es ist, mit Freunden schönere und abwechslungsreiche Touren zu fahren, ich werde mich möglichst strikt daran halten.

Des Weiteren melde ich mich im Fitnessstudio an und fahre von Montag bis Donnerstag immer zwischen 60 und 90 Minuten Spinning, meistens pausenlos und natürlich mit vollem Widerstand (es soll schon Spaß machen).

Laufen ist aufgrund meines nicht mehr vorhandenen Meniskus tabu. Als Ausgleichsport und um etwas für den durch das Rugby „ermüdeten Rücken“ zu machen, nehme ich einmal die Woche an einem Pilateskurs teil.

Ich fasse zusammen: vom 1. Januar bis zum 17. August werde ich 395 Stunden auf einem Fahrrad verbringen, davon 129 Stunden Indoor und 266 Stunden auf dem Mountainbike, für eine Fahrleistung von 3.644 km und 107.652 Höhenmeter.

Trainingsprotokoll 2007:           

Mittlerweile bin ich selber überzeugt, dass man intelligenter bzw. effizienter trainieren kann, aber immerhin, es hat etwas gebracht. Es war manchmal hart, im Winter bei 4°C sechs Stunden im Regen zu biken, aber für mich gab es kein Zurück, ich musste es durchziehen. Ich suchte mir einen langen Anstieg im Siebengebirge aus und fuhr stumpf hoch und runter, bis der Tacho die erzielte Höhenmeterzahl anzeigte.

Anfang Mai 2007 traue ich mir die erste Runde über 103 km und 4.170 Hm mit einigen Trailabfahrten zu. Es soll ungefähr das Profil von Verbier nach La Vieille entsprechen. In La Vieille findet bei dem Cristalp das am schwierigsten einzuhaltenden Zeitlimit statt, um nicht disqualifiziert zu werden: maximal 9h30. Nettofahrzeit 8h12, Gesamtzeit 8h46. Erste Erkenntnisse, das sieht schon mal nicht schlecht aus, aber ist alles bei dem Cristalp so einfach befahrbar wie im deutschen Mittelgebirge? Reicht es, um bei Nässe oder im Falle eines Platten durchzukommen. Ich muss besser werden. Das einfachste Potenzial: die Standzeiten.

In den weiteren Wochen werde ich es nicht mehr schaffen, die Nettozeit zu verbessern. Allerdings konnte ich es nicht mehr auf trockenem Boden versuchen. Anfang Juli beschließe ich, mich zurück zu halten, um nicht im August in ein Saisonloch zu fallen. Ich werde mehr auf die Regenerierung achten.

Am 4. August fahre ich in die Schweiz. Zwei Wochen bei 1.500 Hm können nur positiv zur Vorbereitung beitragen. In Crans Montana finde ich einige andere Mountainbiker und fahre fast täglich lockere, aber schöne und angenehme Touren.

Sechs Tage vor dem Cristalp: eine letzte mittelschwere Tour. 56 km, 2.600 Hm in 5h35. Ich bin fassungslos. Wenn ich bei dem Cristalp so langsam und so mühsam die Berge hochfahre, komme ich nicht sehr weit. Regenerieren! Unbedingt. Montag und Dienstag Pause, Mittwoch eine kurze, lockere Tour, Donnerstag und Freitag Pause! Jeden Tag Nudeln.

Die Ernährung im Rennen

Nichts wird dem Zufall überlassen. Keine Experimente im Rennen. Während meiner langen Trainingseinheiten probiere ich aus, welche Energy-Drinks, -Riegel und -Gels ich am Besten vertrage. Am Renntag werde ich ausschließlich selbsterprobte Nahrungsmittel zu mir nehmen. Gels erst ab 3.000 Hm, bis dahin sollten 5 bis 6 Riegel ausreichen, ich werde 6 Stück mitnehmen. Eine Trinkflasche isotonisches Getränk sowie  eine Flasche nur Pulver, um meine Mischung selber zu machen.

Das Material

Bei diesem Höhenprofil und aufgrund der 500 Höhenmeter langen Tragepassage zu dem Pas de Lona hoch, ist ein Leichtbau-Bike sinnvoll. Hardtail kommt für mich wegen der Nackenschmerzen nicht in Frage, es muss ein voll gefedertes Mountainbike sein. Das Carbon-Fully wiegt fahrbereit 10,8 kg.

Trotzdem: Leichtbau ist gut, aber sicher ist sicher: ich habe in den letzten Monaten zu oft Platten gehabt, das darf im Rennen keinesfalls passieren. Keine extra-light Schläuche mehr. Nichts desto trotz nehme ich am Start 2 Ersatzschläuche, 2 Luftpatronen, Flickzeug, eine Minipumpe, ein Miniwerkzeug, einen Kettenschnellspanner und einen Ersatzschaltauge mit.

Das Rennen: 121 km, 4.860 Hm

4h00, ich hätte gar nicht zwei Wecker gebraucht , ich bin schon längst vor Aufregung wach und sehr ängstlich. Sieben Monate Vorbereitung gehen heute zu Ende. Ich fürchte das Ausscheiden. Im Frühstückssaal vom Hotel, keine Experimente mit Nudeln, ich esse das gleiche wie vor jeder Trainingseinheit.

6h30, der Start der Elite und Lizenzfahrer. Hobbyfahrer starten erst 6h40. Klasse, ich muss von Anfang an 10 Minuten auf das Zeitlimit nachholen. Diese hatte ich auf dem Höhenprofil ausgedruckt und am Lenker immer sichtbar befestigt. Im erster Anstieg zu La Croix de Coeur, fahre ich mit einem Puls von konstant 170, viel zu schnell. Im Training hatte ich festgestellt, dass ich nicht über 164 starten darf. Am Ende des ersten Anstiegs habe ich noch keine der 10 Minuten Verzögerung nachgeholt. Ich beschließe den frühzeitigen Einbruch zu riskieren, und weiter im erhöhten Pulsbereich zu fahren.

Die Temperaturen sind kalt. In der ersten langen und schnellen Abfahrt freue ich mich über das Windstopper Unterhemd, mein leichtes Fleece, die Windweste und die Überschuhe. Das war die richtige Entscheidung. Ich fahre vorsichtig, ich kann mir heute keinen Sturz leisten.

Um rechtzeitig La Vieille zu erreichen, muss ich spätestens um 10h30 in Hérémence ankommen. 5 Minuten Vorsprung. Ich habe die 10 Minuten Startverzögerung plus 5 Minuten nachgeholt. Weiter. Inzwischen sind die Temperaturen im Tal richtig gestiegen. Bei beinah 20°C im Tal, gefühlten 35°C, beneide ich die Fahrer die sich mit Freunden oder Familie verabredet haben, um die warmen Klamotten am Rande der Strecke abzugeben, oder noch mit einem leichten Rucksack unterwegs sind. Egal, ich ziehe das durch.

Wir haben noch keine 2.000 Hm geschafft, und schon bezahle ich meinen schnellen Start. Es ist vielleicht nur eine Passage, das kam schon mal beim Training vor, nicht nachdenken, „Hirn aus“, weiter!

Nach 2.100 Hm bzw. immer noch zu Beginn des Anstiegs von Hérémence zur Mandelon fühle ich mich schon viel zu müde. Ich habe nicht mal die Hälfte der Strecke zu La Vieille hinter mir und ich habe kaum noch Kraft, um  in die Pedalen zu treten. Die gefühlten 35°C helfen natürlich nicht. Ich werde es niemals bis La Vieille schaffen. Meine winterlichen Trainingseinheiten an der Löwenburg fallen mir wieder ein. Ich habe mich nicht sieben Monate bei Sturm und Regen vorbereitet, um nach der Hälfte der Strecke aufzugeben. Es wird nicht aufgegeben. Solange ich keine Krämpfe habe, fahre ich weiter. Lieber gegen das Chronometer verlieren, als gegen sich selbst!

Nach 2.200 Hm muss ich reagieren. Erstes Energy-Gel. Das ist zwar viel früher als beim Training, jedoch hoffentlich nicht zu spät. Von jetzt an werde ich ein Gel alle 300 Höhenmeter nehmen. Der Vorrat wird somit bis La Vieille ausreichen. Was danach kommt, ist egal. Wenn ich rechtzeitig La Vieille erreiche, werde ich bestimmt noch die letzten Reserven finden, um zum Pas de Lona zu kommen. Mein Ziel lautet La Vieille.

Offensichtlich bin ich nicht der Einzige, der zu schnell gestartet ist. Im Antieg zur Mandelon überhole ich mehr, als mich überholen. Es gibt mir Kraft.

An der Verpflegungsstation der Mandelon komme ich immer noch mit meinem Vorsprung von 5 Minuten an. Es ist zu wenig. Ein Platten, irgendein Defekt, und schon bin ich raus. Aber gut, nur noch ein paar Höhenmeter und es geht runter auf Hérémence. Falsch. Der trotz schönem Wetter nasse technische Singletrail am Rande des Berges zieht sich ohne Ende. Es ist meist gut befahrbar, aber ich muss regelmäßig absteigen, da meine Fahrtechnik nicht so gut ist. Beinah wäre ich sogar gestürzt. Fahrtechnikfehler? Die Konzentration lässt nach? Vermutlich beides. Wie naiv war ich denn, die flowigen Trails im Siebengebirge mit den Alpen zu vergleichen? Vorsicht, ich kann mir weder Sturz noch ein gebrochenes Schaltauge in den engen Passagen leisten. Endlich geht’s runter nach Evolène. Danach, nur noch 1.200 Hm bis La Vieille. Das schaffe ich! Eine schnelle Abfahrt, ein kurzes Singletrail, ich fülle mich wieder besser.

In Evolène komme ich mit 10 Minuten Vorsprung an. Ich fülle die Trinkflaschen wieder auf, trinke dazu 75 cl auf einmal, esse ein paar Bananen, öle die Kette am Technikstand, weiter! 10 Minuten Vorsprung ist viel zu wenig, ein Einbruch oder ein Defekt drohen immer noch!

Einige Fahrer lassen sich vor dem letzten Anstieg auf bis 2.900 Meter Höhe noch wärmere Klamotten zurückgeben, praktisch. Ich schwitze immer noch wie verrückt in meiner Herbstausrüstung.

Ca. 1.200 Hm bis la Vieille, das ist 3 mal die Löwenburg hoch, das ist doch zu schaffen.

An der Verpflegungsstation von Eison, zeigt der Höhenmesser 1.700 m. Es ist gerade 14 Uhr 30. Laut Höhenprofil geht es bis zur nächsten Station nur noch hoch.  „Wie hoch genau ist La Vielle?“ „2.300“ antwortet man mir. Immer näher! 600 Höhenmeter! Nicht zwei Mal die Löwenburg hoch in 1h30? Yes! Ich trinke ein Becher Brühe sowie eine Cola, esse Bananen, fülle die Trinkflaschen mit Ice-Tea auf, und los. In kleinen Rampen, die ich im Normalfall problemlos bezwingen würde, steige ich lieber ab und zu ab und schiebe. Ich habe Zeit und darf keinen Einbruch riskieren. Erstaunlicherweise finde ich noch genug Kraft, trinke viel und esse noch sehr regelmäßig von meinen Riegeln. Ab und zu „schaltet sich das Hirn wieder ein“, eine unbeschreibliche Mischung von Erschöpfung und Vorfreude, es bald geschafft zu haben. Es dauert jedes Mal ein paar Sekunden, bevor ich wieder verbittert feststelle, dass ich noch nicht am Ziel angekommen bin.

Aber wo ist La Vieille? Der Anstieg geht weiter. Die Auskunft an der Station war nicht so korrekt, oder der Höhenmesser hat sich verstellt.

15h45: La Vieille. Der Klang der Zeitaufnahme löst sich wie eine Befreiung in meinem Kopf. Mindestens 50 Teilnehmer sind da. Viele sitzen und essen in Ruhe, einige lassen sich massieren. Es herrscht zum ersten Mal auf der Strecke entspannte Stimmung. „Nur noch eine kleine Wanderung zum Pas de Lona hoch“ sagt Einer.

Ich trinke Ice Tea, esse wieder Bananen, fülle wieder meine Flaschen mit Ice Tea auf, und spüre auf einmal eine Art Übelkeit. Klar: zu viel Süßes. Ich trinke noch einen Becher Brühe und laufe los. Den ganzen 500 Hm-Anstieg zum Pas de Lona hoch werde ich meine mit Ice Tea gefüllten Trinkflaschen vorsichtshalber nicht mehr berühren. Keine Experimente im Rennen, ich wusste es doch! Auf den ersten Metern lässt sich das Fahrrad gut schieben, aber schnell nehme ich es lieber auf den Rücken. Ich marschiere mühsam einen langsamen, aber sicheren Schritt pausenlos bis oben. So langsam war ich beim Wandern noch nie. Mein 10,8 kg-Fully ist doch viel zu schwer. Bereits in der Mitte des Anstiegs spüre ich die linke Pedale auf meiner Wirbelsäule… egal, weiter!

Pas de Lona: Endlich! Wieviel Uhr? Keine Ahnung, das interessiert mich nicht mehr. Ich schaue zurück nach unten, glücklich diese letzte Schwierigkeit bezwungen zu haben. Ich leere meine Trinkflaschen, fülle reines Wasser ein. Eine kleine einfach befahrbare Trailabfahrt, die letzten 152 Hm Anstieg. Ich habe es geschafft, jetzt geht’s nur noch runter nach Grimentz. Aus den Magenbeschwerden sind jetzt starke Bauchschmerzen geworden, das ist mir aber jetzt alles egal. Es ist windig und kalt, doch gut dass ich warm angezogen bin.

Die schnelle Abfahrt von dem Basset de Lona zum Stausee, mit Blick auf dem Gletscher ist unbeschreiblich. Ich fühle mich wie in einem Märchen, wie in einer Traumwelt.

Die Trailabfahrt vom Stausee nach Grimentz wiederum war nicht mehr so angenehm. Ein richtig steiniger, aber schneller Singletrail, in dem man sich keine einzige Sekunde ausruhen kann. Hände und Füße tun weh.

Nach 11h34 die Ziellinie. Endlich. Noch von der letzten Abfahrt geschüttelt und erschöpft gehe ich vollkommen gefühllos zum Ausgang des Zielstandorts und frage nach dem Startpunkt des Busses für die Rückfahrt nach Verbier. Erst im Bus wird mir trotz schwerer Magen- und Bauchbeschwerden wieder wahr, dass ich (nicht ohne Schmerz) mein Saisonziel erreicht habe.

Nach 2 Stunden Bustransfer nach Verbier erreiche ich mein Hotel. Es geht mir richtig schlecht. Schnell heiß duschen, und ab ins Restaurant für die Magenbelastungsprobe: ein Steak Tartare mit Spaghetti; es geht mir wieder gut.